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In Zehlendorf bin ich geboren und mit sechs Jahren nach Kleinmachnow umgezogen. Bis zur Mauer konnte ich mit dem Rad zu meiner Großmutter radeln, dann wurde der Westen eine verblassende Erinnerung. Mit zweiunddreißig konnte ich ausreisen, aber bis zur Maueröffnung nicht mehr in den Osten zurück. Erst war ich eingesperrt, dann ausgesperrt, das Hier und das Dort sind für mich denkbar abgetrennt. Zwei Welten und zwei Leben, die nicht zusammenpassen. Und sind doch nur ein paar Schritte jetzt. Angeblich. Ich will das ausprobieren.

Wenn ich zu Fuß von Wannsee nach Kleinmachnow gehe, müßte es sein, als ginge ich durch die Kulissen meiner Gegenwart hindurch und käme garadwegs von hinten her durch die Kulissen meiner Kinderzeit. Getrennt oder verbunden durch eine geheimnisvolle "Hinterbühne", die ich niemals betreten habe. Das Niemandsland als ein leeres Theater mit einer Bühne vorn und einer hinten raus. Da müßten zwei Welten zusammenpassen, die in meinem Leben nichts miteinander zu tun haben.

Es sollte jetzt einen kurzen Weg geben, der über den Riß führt. Das Komische: Es ist gar kein Riß, es ist wahrscheinlich bloß gelber Sand mit ein paar Schottersteinen. Der Riß ist in meinem Kopf. Ich kenne diese Hälfte und jene und weiß von Landkarten her, daß das irgendwie zusammenhängt. Aber daß es wirklich zusammenhängt, daß ich von meinem jetzigen Leben in das meiner Kindheit gelange in zehn Minuten Fußweg, daß diese mir zeitlich und räumlich streng getrennten Welten jetzt zu verbinden sind auf einem Trampelpfad, das ist schon aufregend. Als käme ich in Berlin aus der Tür und stünde am Atlantik. Nein, an einem Flecken, den ich kenne wie keinen sonst, der hier aber nichts zu suchen hat.

Ich zieh den Mantel an und mach mich zu Fuß auf den Weg über die Grenze, die schon keine mehr ist. Bin neugierig auf dies Dazwischen. "Neugierig" ist ein zu schwaches Wort. Die Grenze hatte einen Sog, der nie aufgehört hat, auch wenn ich ihn vergaß. Sie hat mich in die Träume verfolgt...